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Gregorianischer Choral an St. Laurentius

Das Kirchenjahr im gregorianischen Choral

Die Sonn- und Feiertage im Kirchenjahr

Dreifaltigkeitssonntag

Introitus

Die Verehrung der Heiligsten Dreifaltigkeit geht in frühchristliche Zeit zurück und hat sich vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Arianismus ausgeprägt und theologisch-dogmatisch artikuliert. Dennoch sollte es noch mehrere Jahrhunderte dauern, bis sich ein eigenes der Heiligsten Dreifaltigkeit gewidmetes Fest durchsetzen konnte. Zwar ist schon um 800 eine Votivmesse zu Ehren der Trinität bezeugt, deren Gesänge in gregorianischen Handschriften seit ca. 900 überliefert sind. Ein für die ganze Kirche verbindliches Fest wurde jedoch erst unter Papst Johannes XXII. im Jahr 1334 eingeführt.
Diese lang andauernde zögerliche Haltung der kirchlichen Autoritäten scheint ihre Spuren auch auf die kompositorische Qualität dieser Messgesänge hinterlassen zu haben, denn offensichtlich mangelte es dem (den) „Komponisten" an der erforderlichen kreativen Motivation, um für dieses in weiten Kreisen unbeliebte Fest ein Messproprium von künstlerischer Originalität auf hohem Niveau zu schaffen. Vielmehr begnügte(n) er(sie) sich fast ausschließlich mit Adaptationen älterer (authentischer) Vorbilder auf neue Texte, die zudem gelegentlich eine feiner entwickelte Sensibilität für die Erfordernisse des Wort-Ton-Verhältnisses vermissen lassen.
Der Introitus Benedicta sit, eine melodische Adaptation des Introitus Invocabit me des Ersten Fastensonntags, zeichnet sich ohne Zweifel durch einen insgesamt zielstrebigen und schönen Melodiefluss aus. Dennoch ist an zwei Stellen eine „Entgleisung" gegenüber dem Original festzustellen: Auf der Endsilbe von „Trinitas" besitzt die vier-tönig aufsteigende Figur, anders als im Original, keine anstauende und auf das folgende Wort hinführende Funktion, sondern die einer kadenzierenden Floskel, während die Figur auf der ersten Silbe des nachfolgenden Wortes „atque" - im Original in typisch kadenzvorbereitender Funktion - ziemlich deplaziert als Reintonationsfloskel erscheint. Und der melodische Höhepunkt des gesamten Stückes bei „confitebor" findet sich nicht - wie im Original bei, „glorificábo" - auf der Akzentsilbe, sondern - wiederum ziemlich deplaziert - auf der unbetonten Silbe „confitébimur".
aus: Johannes Bergmans Göschl: Das Kirchenjahr Im Gregorianischen Choral, EOS St. Ottilien, 2021, S. 302f

Benedicta sit sancta Trinitas,
atque indivisa Unitas,
confitebimur ei,
quia fecit nobiscum misericordiam suam.

Gepriesen sei die heilige Dreieinigkeit
und ungeteilte Einheit.
Lasst uns sie preisen,
denn sie hat uns ihr Erbarmen geschenkt.

Ps.  1

Benedicamus Patrem et Filium cum Sancto Spiritu.

Lasst uns den Vater preisen, und den Sohn mit dem heiligen Geist.

Ps.  2

Domine Dominus noster,
quam admirabile est nomen tuum in universa terra.

Herr, unser Herrscher,
wie wunderbar ist dein Name auf der ganzen Erde!
https://gregorien.info/chant/id/1055/0/de

Sie können diesen Choral hören:

https://www.youtube.com/watch?v=ednnLGMhICQ (Solo mit Quadratnotation)

https://www.youtube.com/watch?v=CzcAOkvCIaI  (Schola)

 

Pfingstsonntag

Introitus

Der Pfingstsonntag beschließt heute die Feier der österlichen 50 Tage. Bis zur Kalenderreform nach dem Zweiten Vatikanum hatte dieses Fest auch eine eigene Oktav mit zahlreichen speziellen Propriumsgesängen. Diese sind durch die Reform nicht verloren gegangen, sondern wurden auf viele andere Tage verlegt, so auch in die Zeit unmittelbar vor Pfingsten. Das Proprium der Tagesmesse am Pfingstsonntag ist bis auf das zweite Alleluia und die Sequenz jenes der karolingischen Liturgie- bzw. Choralreform.

Der Introitus Spiritus Domini ist eine liturgisch redigierte Version von Weish 1, 7. Wie so oft bei einem Introitus ist das Anfangswort (hier „Spiritus") gleichzeitig das Schlüsselwort für die gesamte Feier. Dem widerspricht nicht, dass die gregorianische Verklanglichung dieses Textes die Sinnspitze des Beginns auf "replevit orbem" (erfüllt die Welt) legt. Nicht, was der Geist ist, wird uns musikalisch vor Augen geführt, sondern das, was er tut. Die Tendenz, nicht dogmatischen Fragen, sondern dem Wirken Gottes und seines Geistes im Gesang nachzuspüren und dieses als menschliche Erfahrung zu bezeugen,  zieht sich durch die Vertonung bzw. Betonung des gesamten gregorianischen Repertoires. Betont und musikalisch etwas deutlicher entfaltet ist auch das Wort "continet": der Geist enthält in sich alles und hat Kenntnis ("scientiam") von allem. So wird uns am Beginn dieser Feier eine Theologie vom Wirken des Geistes vor Augen und Ohren gehalten. Der Psalmvers zum Introitus ist ein altbekannter: Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten zusammen wird allegorisch-liturgisch mit dem Psalm 67/68 begleitet.  ...

So zeigt sich wiederum einmal mehr, dass liturgische Texte im Sinne eines spirituellen „Aggiornamento" der Bibel für die Feier der Liturgie ausgewählt worden sind. Die gregorianischen Komponisten haben dies sehr wohl verstanden. Sie haben mit ihrer Art, diese Texte mit musikalischen Mitteln zu interpretieren, dieses Anliegen noch verstärkt aufgegriffen und darüber hinaus die liturgische Bibelinterpretaion mit eigenen spirituellen Aspekten in musikalischer Form angereichert.
aus: Johannes Berchmans Göschl: Das Kirchenjahr im gregorianischen Choral, S. 177ff

Spiritus Domini replevit orbem terrarum, alleluia :
et hoc quod continet omnia,
scientiam habet vocis.

Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis, Halleluja;
und das, was er alles umfasst [enthält],
kennt jede Sprache.

Ps.  1

Exsurgat Deus, et dissipentur inimici eius:
et fugiant, qui oderunt eum a facie eius.

Gott steht auf, seine Feinde zerstieben;
die ihn hassen, fliehen vor seinem Angesicht.
https://gregorien.info/chant/id/7762/0/de

Sie können diesen Choral hören:

https://www.youtube.com/watch?v=RoApQ6YKzaE (Solo mit Quadratnotation)

https://www.youtube.com/watch?v=g9qt4vlPoRw (Schola mit Quadratnotation)

 

7. Ostersonntag

Introitus

Der Siebte Sonntag der Osterzeit - früher der Sonntag in der Oktav von Christi Himmelfahrt - beginnt traditionell mit dem Introitus Exaudi Domine. Christus, der Herr, ist zu seinem Vater heimgekehrt, aber die Sehnsucht nach der Begegnung mit IHM bleibt, die Suche nach seinem Antlitz ("vultum" als eine Sinnspitze), also nach ihm selbst, ist das andauernde Bestreben des mit Christus verbundenen Menschen.
Als eine Antwort auf die Erhöhung Christi und die damit verbundene Erwartung seiner Wiederkunft haben wir eine Ich-Botschaft am Beginn dieses Sonntags: als Glaubender in der Gemeinschaft der Kirche mache ich mich auf den Weg der Gottsuche, denn er lässt die Seinen nicht als Waisen zurück, und mit dem Beistand des Geistes wird die Verbindung mit ihm über Zeit und Raum hinweg zu finden und aufrecht zu erhalten sein. Die zentrale Aussage "Dein Antlitz, Herr, will ich suchen" ("vultum tuum Domine requiram"), kommt wie so oft in der Gregorianik in äußerster musikalischer Reduktion daher, sie wird in einem schlichten Rezitativ vorgetragen. Zu den Besonderheiten dieses Gesangs gehört seine modale Centonisation, das Zusammenfügen verschiedener Modi in einem einzigen Stück. Nach einer Einleitungsformel des III. Modus geht es im I. Modus bis zum Ende weiter.
aus: Johannes Bergmans Göschl: Das Kirchenjahr Im Gregorianischen Choral, EOS St. Ottilien, 2021, S. 174

Exaudi, Domine, vocem meam,
qua clamavi ad te, alleluia :
tibi dixit cor meum,
quaesivi vultum tuum,
vultum tuum Domine requiram :
ne avertas faciem tuam a me.

Erhöre, Herr, meine Stimme,
mit der ich zu dir rufe, Halleluja.
Mein Herz sagt zu dir:
Dein Angesicht habe ich gesucht!
Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.
Wende dein Angesicht nicht von mir.

Ps.  1

Dominus illuminatio mea et salus mea:
quem timebo ?

Der Herr ist mein Licht und mein Heil:
Vor wem sollte ich mich fürchten?
https://gregorien.info/chant/id/3113/0/de

Sie können diesen Choral hören:

https://www.youtube.com/watch?v=NZo-uJdg7yY (Solo mit Quadratnotation)

https://www.youtube.com/watch?v=8R5-dtyc58E (Schola)

Christi Himmelfahrt

Introitus

Das Fest Christi Himmelfahrt ist erst im Laufe des späten 4. Jh. bezeugt und im 5. Jh. allgemein verbreitet, die Kirche der ersten Jahrhunderte hatte das Paschamysterium als Einheit von Tod, Abstieg in das Reich des Todes, Auferstehung und Erhöhung Christi in einer einzigen Feier begangen. Die Feier am 40. Tag nach Ostern gründet auf Aps 1,3 bzw. auf dem übrigen 1. Kapitel der Erzählung des Lukas und deren Parallele in Lk 24,51. Christi Himmelfahrt ist eigentlich das Gegenfest zum Karsamstag: der Katabasis, dem Abstieg, folgt die Anabasis, der Aufstieg. Diese heilsgeschichtliche Dynamik ist als eine zusammengehörige Bewegung zu sehen, deren zweiter Teil nun festlich begangen wird, deren erster Teil jedoch nicht im gleichen Maße im Bewusstsein der feiernden Gemeinden beheimatet ist, da in der Praxis der Westkirchen eine gründliche Reflexion des Mysteriums vom Karsamstag fehlt.
Das Proprium von Christi Himmelfahrt wird heute mehr oder minder unverändert so gesungen, wie es die Handschriften des 9. und 10. Jhs. überliefern. Im Zentrum der Gesänge stehen das erste Kapitel der Apostelgeschichte (Introitus und Offertorium), sowie der 46./47. und der 67./68. Psalm (Alleluia 1 bzw. Alleluia 2 und Communio). Die Auswahl der beiden Psalmen - eine notwendige theologische Deutung und Ergänzung - ist ein Paradebeispiel für die allegorische Exegese dieser Texte, welche die Kirche seit ihren ersten Tagen im Lichte des Christusmysteriums liest. Beide Psalmen sind - aus heutiger Sicht einer Exegese des wörtlichen Sinnes - Lieder über den Aufstieg und die Theophanie IHWHs, in der - für die Liturgie der Ost- und Westkirchen jedoch entscheidenden - allegorischen Deutung ein Ausdruck für Christus, den Sieger, der zu seinem Vater emporsteigt und zur Rechten des Vaters heimkehrt. Die genannten Psalmen werden ebenfalls in großer Breite als Gesänge der Tagzeitenliturgie entfaltet.
Der Introitus Viri Galilaei erklingt im schwungvollen, Freude ausstrahlenden VII. Modus, der offensichtlich den Blick nicht auf das Weggehen Jesu lenkt, sondern auf seine Wiederkunft. Sinnspitze aus einer musikalischen Perspektive ist daher das erste der drei abschließenden Alleluia, der Jubel über die erwartete Parusie.
aus: Johannes Bergmans Göschl: Das Kirchenjahr Im Gregorianischen Choral, EOS St. Ottilien, 2021, S. 169f

Viri Galilaei,
quid admiramini aspicientes in caelum?
Quemadmodum vidistis eum ascendentem in caelum.
Ita veniet.

Ihr Männer von Galilaea,
was wundert ihr euch und schaut ihr auf zum Himmel?
So, wie ihr ihn in den Himmel aufsteigen gesehen habt.
so wird er wiederkommen.

Ps.  1

Omnes gentes plaudite manibus :
iubilate Deo in voce exsultationis.

Ihr Völker alle, klatscht in die Hände!
Jubelt zu Gott mit der Stimme des Frohlockens!
https://gregorien.info/chant/id/8717/0/de

Sie können diesen Choral hören:

https://www.youtube.com/watch?v=EEbaDPmxAUE (Solo)

https://www.youtube.com/watch?v=0G2j5qktpE4 (Schola mit Quadratnotation)

6. Ostersonntag

Introitus

Der Sechste Sonntag der Osterzeit beginnt mit dem hoch emotionalen Introitus Vocem iucunditatis, der auf die Universalität des Erlösungswerkes Jesu verweist: bis zum Äußersten der Erde („ad extremum": musikalische Sinnspitze) soll verkündet werden, dass der Herr sein Volk befreit hat. Die Botschaft von der befreienden Auferstehung ist eine universelle, die jeden Menschen erreichen soll, vom Heil ist niemand ausgeschlossen, und alle sollen davon Kenntnis erlangen. Dementsprechend beginnt auch das Wort „annuntiate" (verkündet) mit lockeren Tonbewegungen zu schwingen. Die freudige Erregtheit des Gesangs wird auch durch die Wahl des III. Modus unterstrichen.
aus: Johannes Bergmans Göschl: Das Kirchenjahr Im Gregorianischen Choral, EOS St. Ottilien, 2021, S. 166f

Vocem iucunditatis annuntiate,
et audiatur, alleluia :
nuntiate usque ad extremum terrae :
liberavit Dominus populum suum.

Verkündet die Stimme des Jauchzens,
damit man es hört, Halleluja.
Ruft es hinaus bis ans Ende der Erde:
Der Herr hat sein Volk erlöst.

Ps.  1

Iubilate Deo omnis terra, alleluia :
psalmum dicite nomini eius,
date gloriam laudi eius.

Jauchzet Gott zu, alle Lande, Halleluja,
spielt zum Ruhm seines Namens,
verherrlicht ihn mit Lobpreis.
https://gregorien.info/chant/id/8762/0/de

Sie können den Choral hören:

https://www.youtube.com/watch?v=9KvliebqD38  (Solo mit Quadratnotation)
https://www.youtube.com/watch?v=Bxk0bHAV7FM (Schola)